OST COLA

Fotografie in der DDR in den Achtzigern

Der Charme der alten Bilder

Wichtig waren damals nur zwei Dinge: Haare hoch und Adidas hoch. Damit unterschieden sich die Jugendlichen in den Achtzigern nicht von denen heutzutage.

Was an den OST COLA-Jugendlichen anders war: Sie wuchsen in einer Welt auf, die es nicht mehr gibt.

Brandenburg/Havel war seit Beginn des 20. Jahrhunderts Industriestandort, in den achtziger Jahren beschäftigte das Stahl- und Walzwerk mehr als 10.000 Arbeiter, mit 2,3 Millionen Tonnen Rohstahl und über einer Million Tonnen Walzwerkserzeugnisse war es der größte Stahlproduzent in der DDR. Nach der Wende abgewickelt ist vom Werk heute nur noch ein Industriemuseum übrig geblieben, in dem der letzte Siemens-Ofen in Westeuropa steht.

Mathias Knoppe, der in diesen letzten Jahren der DDR als damals 17-Jähriger seine Fotografenlehre in Brandenburg absolvierte und zu Übungszwecken (fast immer) eine Kamera mit sich herumtrug, hielt diese Welt und die Menschen, die in ihr lebten, auf mehr als 10.000 Schwarz-Weiß-Aufnahmen fest. Erst 2010, nach über 20 Jahren entdeckte er diesen Fotoschatz wieder, nachdem er einen alten Rollschrank aufgebrochen hatte, von dem er nicht mehr genau wusste, was sich darin verbarg.

Nachdem er mit dem Einscannen der Negative begonnen hatte, eröffnete er eine Facebook-Seite mit dem Namen OST COLA – der Rest ist wie alles andere Geschichte. OST COLA gehört heute fest zum Inventar im Newsfeed von fast 3.000 Fans.

Es ist schwer zu beschreiben, was genau den Charme der Motive ausmacht. Zuerst sieht man nur junge Leute mit verrückten Frisuren und in komischer Kleidung, die keiner mehr tragen würde, Poster an der Wand, auf denen Nena noch ganz jung war und Trabis auf Kopfsteinpflaster. Schaut man weiter, merkt man, dass es mit purem Anachronismus nicht getan ist.
Die Erkenntnis, die man gewinnt, wenn man älter wird, nämlich dass um sich herum und in einem selbst nichts mehr so ist, wie es war, erreicht mit OST COLA eine neue Qualität.

In Brandenburg ist tatsächlich nichts mehr wie es war, und die Mode spielt dabei nur eine Nebenrolle. Die Häuser, die Geschäfte, die Industrie, die Autos, die Straßenbeleuchtung, die grünen und die Freiflächen – bis auf den letzten Zentimeter wurde ein kompletter Standort umgekrempelt, abgerissen, frisch angemalt, ausgetauscht, glatt gewischt. Brandenburg steht hier nur exemplarisch für eine Riesenregion – das ganze Gebiet DDR ist weg, rein gar nichts mehr übrig geblieben, bis auf Flohmarktfunde, Nostalgiemärkte und eben … OST COLA.

Dass die Facebook-Seite so eingeschlagen ist, kommt nicht von ungefähr. Die Jugendlichen von damals sind exakt in der Phase ihres Lebens, die Platz lässt für Erinnerungen. Ein Traum für alle Brandenburger und schade für den Rest, ein bisschen OST COLA braucht schließlich jeder irgendwann.